Kulturpreis 2000


Laudatio von Regierungsrat Peter Schmid, Vorsteher der Erziehungs- und Kultusdirektion des Kantons Basel-Landschaft, anlässlich der Verleihung des Kantonalbankpreises, Donnerstag 19. Oktober 2000


Farbe - Bewegung - Spiel

Wo, meine sehr verehrten Damen und Herren, kommt sich die berühmte graue Maus ganz besonders grau vor? Im wunderbaren Jugendstilhaus mit grosszügigem Umschwung an der Rüttigasse in Frenkendorf. Und wo fühlt sich der in staatsmännisches Grau gehüllte Magistrat gegenwärtig unterstützt durch den modischen Trend zur farblichen Zurückhaltung - ungefähr genau so wie die bereits erwähnte Maus? Natürlich ebenfalls an der Rüttigasse in Frenkendorf, in jenem Haus, in dem Claire Ochsner seit 1986 lebt und arbeitet. Nein, grau ist gar nichts bei Claire Ochsner, im Gegenteil, Farbigkeit ist gewissermassen das Qualitätsmerkmal ihrer Arbeit als Künstlerin, Farbig wirkt sie selber als Person im persönlichen Gespräch. Im kürzlich erschienenen Buch über Claire Ochsner mit dem geradezu programmatischen Titel «Magie der Farben» wird sogar an eine Stelle darauf hingewiesen, dass nicht ein einziges graues Haar den Kopf der Künstlerin umgarnen würde!

Claire Ochsner selber meint: «Die Farben müssen kraftvoll leuchten.» Auf der Rückseite des Buchumschlages steht ein Text, der das künstlerische Program auf den Punkt bringt: «Perfekt inszenierte Farbsymphonien, gekoppelt mit filigraner Formgestaltung und bewegter Leichtigkeit, sind herausragende Merkmale des umfassenden Schaffens der Künstlerin.» Ein Kritiker meinte offenbar, die Arbeiten von Claire Ochsner würden allzu farbig ausfallen. Ich kann mir unter dieser Kritik nichts Wirkliches vorstellen; ich weiss ziemlich genau, was Farblosigkeit ist; was jedoch «allzu farbig» bedeuten soll, hierzu recht meine Phantasie nicht aus, schon alleine deshalb nicht, weil ich Phantasie ohnehin mit einer gewisse Farbigkeit in Verbindung bringe. Ein letztes Zitat aus dem Buch: «Immer neue Aufträge und Ankäufe treiben sie, die doch ohnehin schon den Kopf voller Farben, Formen und Visionen hat, zum Arbeiten an.»

Claire Ochsners Objekte entspringen einer Phantasiewelt. Wir lernen unter anderem Schlangenfrauen, Muschelfrauen, drei Prinzessinnen und schliesslich das Fabeltier «Giraffalla» kennen. Und mitten in dieser Welt sitzt ein dickes Krokodil, ein Werk aus früheren Zeiten. Leinwand, Metall und Polyester sind die Grundmaterialien für die künstlerische Gestaltung. Von kleinen filigranen Werken bis hin zu monumentalen Skulpturen reichen die sehr unterschiedlichen Ausmasse der Arbeiten. Über allem aber stehen, oder, müsste man sagen: schweben, frohe Farben, satte Farben, leuchtendes Gelb. Ultramarin, Feuerrot und ruhiges Weiss. Hier wird Lebensfreude künstlerisch gestaltet. Kunst muss nicht, aber darf Lebensfreude zum Ausdruck bringen, als eine der möglichen Lebens- und Überlebensstrategien der Menschen.

Claire Ochsners Werke tragen Namen. So heissen bei spielsweise die Mobile «Verdalla» oder «Scharalla» oder ganz sachlich «Doppelspirale» oder auch nüchtern «Das Blatt». Die Objekte heissen «Violotto und «Voletta» oder auch «Der Waldmann», «Das Ginkoblatt», «Ein Gesicht». Die Bilder tragen unter anderem die Namen: «Geheimnis der Nacht», «Fliegender Fisch», «Symphonie in Blau» oder «Mit Schwung». Die Namen sind sehr präzise gewählt oder umgekehrt, äusserst genau künstlerisch umgesetzt. Wer sich auf die Arbeiten. von Claire Ochsner einlässt, kann sich beim aufmerksamen Hören der Namen das Bild, die Skulptur, das Mobile gut vorstellen. Wenn ein Bild den Namen «Mit Schwung» trägt, so handelt es sich zwingend um ein Bild, das über den Rand der Leinwand hinauswächst, sich über den Rand der Leinwand hinausschwingt.

Voller Überraschungen auch die Welt der Kleinskulpturen. So zum Beispiel die köstliche Giftschlange, zweckmässig gestaltet als Sonnenschirmständer. Schliesslich ein Beispiel einer Grossskulptur: Giraffalla, die tanzende Giraffe, sie steht - welch sinniger Bezug zum Kantonalbankpreis - vor dem Hauptsitz der Zuger Kantonalbank.

Die Leitwörter von Claire Ochsner: «Bewegung, Farbe, Spiel» haben natürlich auch etwas mit der Welt der Kinder zu tun. Ihr hat sich die Künstlerin bei der Gestaltung Ihrer Kinderbücher zugewendet oder auch bei der Gestaltung eines Drachens oder eines Sonnenvogels zum Klettern und Rutschen. In den letzten Jahren schliesslich entstanden die bewegten Skulpturen, jene Kunstwerke, die handwerklich perfekt ausgeführt sind, so dass der leiseste Wind einen oder mehrere Teile mit Leichtigkeit in Bewegung versetzen kann. Dort, wo der Wind als Bewegen nicht ausreicht, hat sich Claire Ochsner der Schaffung sogenannter Solarskulpturen zugewandt.

Bei einem Werk fällt mir die Einordnung schwer. Handelt es sich um ein Objekt aus der Phantasiewelt, um ein Fabeltier? Nein, es geht um ein grosses Tier aus der Welt der Realpolitik; es geht um das von Claire Ochsner gestaltete Portrait von meinem früheren Kollegen Regierungsrat Werner Spitteler, auf Holz gemalt, eingerahmt mit Symbolen, die dann allerdings wiederum sehr viel mit Farbe und Phantasie zu tun haben. Das Werk hängt in der Portraitgalerie der früheren Regierungsmitglieder im Regierungsgebäude (öffentlich zugänglich).

Ich kann an dieser Stelle die Vielseitigkeit der künstlerischen Arbeiten, die zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland nur sehr bruchstückhaft schildern. Auch ist das Leben von Claire Ochsner vielseitiger - vielleicht müsste ich sagen farbiger - verlaufen, als ich es hier mit einigen wenigen dürren Angaben schildere: Geboren in Zürich, als Tochter eines Ingenieurs und einer Malerin, aufgewachsen mit drei Brüdern, davon wird einer Steinbildhauer. Die Schulen besuchte Claire Ochsner in der Schweiz (hauptsächlich in der Zürichseegemeinde Küsnacht, Ergänzung des Webmasters), in den Niederlanden und in Frankreich.

Aus ihrer Kindheitszeit in den Niederlanden erinnert sie sich wohl nicht ganz zufällig an die erste Begegnung mit den Werken Van Goghs, der sie mit seiner Farbigkeit, glücklicherweise jedoch nicht mit seiner Gemütsverfassung, nachhaltig beeinflusste. Der Schulzeit folgte das Mathematikstudium an der Universität Zürich. Auf dem Weg zur Kunst als Profession stehen die Kunstgewerbeschule Zürich, die Kunsthochschule Amsterdam, in dieser Zeit reift der Entschluss, das Malen zum Beruf werden zu lassen. Schliesslich wieder die Kunstgewerbeschule Zürich, unter anderem bei Max Bill. 1971 erfolgte die Heirat mit Peter Ochsner, und Claire und Peter Ochsner wurden die Eltern von Karin, Stefan und Philipp. 1986 der Umzug ins bereits erwähnte Haus in Frenkendorf an der Rüttigasse. Die Hausnummer brauchen Sie sich nicht zu merken, man müsste blind sein, um nicht unverzüglich das richtige Haus herauszufinden.

Jeder Künstler, jede Künstlerin legt in aller Regel einen kurvenreichen Weg zurück, bis er oder sie mit einer oftmals nur fragilen Sicherheit eine eigenständige Entwicklung erreicht. Und stets folgen die unvermeidlichen Vergleiche. Fühlt man sich angesichts der Werke von Claire Ochsner an Niki de Saint-Phalle erinnert? Vielleicht ein flüchtiger Betrachter angesichts der Farben; die Formen jedoch setzen völlig andere Akzente. So sind beispielsweise die drei Prinzessinnen in Euer «Flachheit» etwa das Gegenteil der Figuren von Niki de Saint-Phalle. Der Vergleich mit Bernhard Luginbühl: völlig verfehlt, wo bleibt dann der Rost? Jean Tinguely? auch hier bleibt ein Nein, denn die Wahl der Farben und die ruhigen, ja geradezu leisen Bewegungen durch den Wind weisen einen anderen Weg. Solche Vergleiche sind oftmals gleich wenig hilf- und sinnreich wie der immer währende Versuch, innere und äussere Wesensmerkmale eines Menschen auf seine Eltern zurückführen zu wollen. Die Möglichkeit einer selbständigen Neuschöpfung wird dabei stets ausgeschlossen.

Claire Ochsner entwickelte sich selbständig, sie arbeitet hart, mit vielen Skizzen und kehrt oftmals zur ersten Skizze zurück. Für handwerklich anspruchsvolle Schleifarbeiten, für den Formenbau, für Mechaniker- und Schlosserarbeiten stehen ihr ausgewiesene handwerkliche Fachleute hilfreich zur Seite. Das an und für sich bereits geräumige Haus wurde 1998 durch einen zusätzlichen Atelierbau, durch eine Werkstätte im eigentlichen Sinn des Wortes, ergänzt.

Claire Ochsner erhält den Kantonalbankpreis 2000 um ihrer Eigenständigkeit und Farbigkeit willen. Wir gratulieren ihr herzlich.

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