Sinnlichkeit und beschwingte Eleganz :
Lustwandeln in Claire Ochsners Skulpturengarten
Komm in den Garten und lausch
Den Wassern aus dem Stein.
«Alles fliesst», sagt uns der Grieche
Und meint damit:
Bewegung und Veränderung.
Beschwingt dreht sich der Kogoro
Im Schutz der Goldzypresse.
Getrieben durch die Macht der Lüfte
Bewegt sich die Skulptur,
farbtrunken, leicht und leis`.
Nimm auf die Kraft,
Die aus der Kugel strömt
Und strömend dich umgibt.
(«Jardin magique»)
Der «Kogoro» steht heute nicht mehr in Claire Ochsners zauberhaftem Skulpturengarten, der zum umfangreichen Anwesen ihres Heims in Frenkendorf, in der Nähe Basels, gehört. Er befindet sich seit einigen Jahren, zum täglichen Wohlgefallen und Entzücken meiner Frau und mir, in unserem eigenen Garten.
Die Skulptur ist aber, wie alle andern, ein charakteristisches Werk der Künstlerin, die heute auf dem Gebiet der bildenden Kunst zu den renommiertesten der Schweiz gehört.
Tauchen wir ein in die Traumwelten von Claire Ochsners Garten, der bereits einem kleinen Park gleichkommt und in dessen Mitte wir einen anmutigen Pavillon entdecken, Schauplatz kleinerer Ausstellungen, aber auch von Konzerten oder andern kulturellen Anlässen. Zusammen mit dem Haus der Familie und den Ateliers bildet der Garten so etwas wie ein Gesamtkunstwerk. Wenn wir auf den Pfaden lustwandeln, die uns zu den zahlreichen Skulpturen führen, staunen wir ob der Vielfalt und Originalität der Werke: grosse Wasserspiele, kleinere Spiralen, schlanke Figuren, bewegliche Windspiele, kraftvolle Kugeln und geheimnisvolle Fabelwesen. Sie alle wirken schwerelos, leicht und scheinen beinahe zu schweben.
Luft und Wasser, Licht und Farben. Das Lächeln einer Sommernacht oder die Klarheit eines kalten Wintertags: Der Garten fesselt den Besucher durch seine Schönheit und Verspieltheit zu jeder Jahreszeit. Er strömt mediterranes Ambiente aus mit den beschwingten, heiteren und eleganten Formen der einzelnen Skulpturen. Sie fügen sich harmonisch in die Umgebung ein und stören nie die Natürlichkeit der zahlreichen Bäume, Sträucher, Teiche, Grünflächen und verwunschenen Wege. Der Garten reflektiert die Harmonie von Kunstwerken, die von Menschenhand – die der Künstlerin – erschaffen wurden mit der Welt einer gewachsenen und sich frei entfaltenden Natur.
Besonders schön zeigte sich das auch in den umfangreichen und eindrücklichen Ausstellungen, etwa im «Park im Grünen» bei Basel, im universitären «Alten Botanischen Garten» in Zürich oder an der Seepromenade von Ascona. Gerade am Lago Maggiore mit dem unendlichen Blau eines fröhlichen Sommers kam Claire Ochsners hohe Künstlerschaft besonders gut zur Geltung. Aber die Heiterkeit, die Leichtigkeit und die Beschwingtheit des Südens spüren wir ebenso in ihrem Garten in der Nordwestecke der Schweiz.
Im Frühjahr wirken die Farben der Skulpturen ahnungsvoll wie Uhlands «Frühlingsglaube». Im sonnenüberfluteten Sommer strahlen sie in ihrer ganzen Kraft, im Herbst bilden sie mit den leuchtenden Farbtönen der Natur eine einmalige Einheit, und im Winter kontrastieren sie mit dem Weiss des Schnees, der den ganzen Park zärtlich umgibt und fein umhüllt.
Begeben wir uns zum Schluss unseres Rundgangs in eine rosenbekränzte Laube und lauschen wir mit einem Glas funkelnden Weins in der Hand einigen Worten Shakespeares. Sie könnten aus dem Sommernachtstraum stammen oder aus einer seiner tiefgründigen Komödien. Diesmal aber ist es eine Einladung aus dem Versepos «Venus and Adonis»:
«A thousand honey secrets
Shalt thou know.
Here come and sit, where
Never serpent hisses
And being set, I`ll smother
Thee with kisses.»
Tausend «honigsüsse Geheimnisse» birgt auch der Skulpturengarten von Claire Ochsner, und wie bei Skakespeare züngelt auch hier keine Schlange! Dafür hörst du das helle Lachen von Scherzen und Liebkosen, das Vogelgezwitscher aus den Sträuchern und von den Dachfirsten, zusammen mit dem leisen Hauch des Winds, der voller Sehnsucht durch die Blätter streift.
Komm in den Garten, folge den lauschigen Pfaden, bewundere die Skulpturen und setz dich unter einen Kirschbaum, der jeweils im Frühling sein schönstes Blütenkleid überstreift. Oder begib dich in den Schatten einer wuchernden Glyzinie und verfolge das lautlose Spiel der Mobiles, die sanft von den Lüften angetrieben werden.
Es macht Sinn, dass dieser einzigartige Skulpturengarten das ganze Jahr geöffnet ist. Er hat zu jeder Jahreszeit viel zu bieten. Er verzaubert uns mit seiner Poesie und macht uns glücklich.
Thomas Schweizer
Literaturforscher und Kulturschaffender
Basel, Füllinsdorf