Joie de vivre
Nie ist die Schöpfung wirklich fertig geworden. Nie liess sich der Siebentageplan einmal einhalten. Kaum stand der Mann auf zwei Beinen, fehlte ihm die Frau. Und schon war es wieder aus mit dem Feierabend. Und weil es immer etwas zum Nachschöpfen gibt, hat die Schöpfungszentrale die Schöpfungszuständigkeit auch an die Kunst weitergegeben. Und seither geht der Streit, wer erfolgreicher ist, die Evolution oder die Bildhauerin Claire Ochsner, die im basellandschaftlichen Frenkendorf ein Paradiesgärtlein bewirtschaftet, wo die Schöpfungslaunen so daseinsfroh über die Mauern spitzen, dass man gleich neidisch wird auf Nachbarn und Passanten.
Nicht dass sich die bunte Population nur draussen wohl fühlte. Aber draussen, im Gartenpark, zwischen Beeten und Büschen, am Wegrand und auf kleinen Mauervorsprüngen, da ist ihr eigentlicher Platz. Und dort ist sie zu Hause, wo die Art an ihren leuchtend farbigen Kostümen und weich fliessenden Silhouetten schon von weitem zu erkennen ist, wo sie mit ihren schlanken Leibern ein wenig stolz tun und ihre schmiegsamen Glieder wie Fühler ausstrecken und einrollen darf. Es ist ein Turnen und Tanzen auf dem schmalen Grat zwischen organischer und anorganischer Welt. Herkunftslos muten die Formen an und zugleich vertraut. Aus Konus und Kubus scheinen die einen gebildet, aus Frucht und Steckwurzel ihre Schwestern. Keine, bei denen die verschweissten Schalen nicht auch Blätter sein könnten, keine, bei denen Flügel, Schwänze und Beine nicht ebenso gut aus dem geometrischen wie aus dem vegetativen Repertoire stammen könnten. Die einen haben mehr Körper, die anderen mehr Ornament. Die einen erinnern an Insekt, bei den anderen denkt man an Figur, hier mehr an Vogel, dort mehr an Pflanze, an Qualle, an Oktopus, der gerade aus dem Wasser gekrochen sein muss und seinen Armkranz wie in Empfangsstellung ausbreitet.
Still stehen sie oder bewegen sich sacht im Wind, rotieren mit der Sonne und haben es gut unter blauem Himmel und nicht weniger gut unter den Schneemützen, die der Winter ihnen aufsetzt, und laufen zur grossen Form auf, wenn die Wolken tief hängen, und die Tage grau bleiben, und sie wahrhaftig die einzigen sind, denen der koloristische Frohsinn nicht vergeht. Es sind alles wunderbare Könner oder Könnerinnen, Spitzentänzer, virtuose Balancierer, Pfauenradschlager, Schwerkraftspötter, Gleichgewichtsartisten, Gutelaunewesen, leichthändige Verweigerer der geraden Linie, Meister in der Schlangentravestie, Steckleiber mit Köpfen in Herzform und mit Armen, die sich zu Ringelschwänzen und Schnecken zusammenrollen. Und allesamt Verwandlungskünstler, wie der mythische Meeresgott und Robbenhüter Proteus einer gewesen ist, dem man nie richtig nahe kommen konnte, weil er mit Lust und Geschick schon wieder in eine andere Gestalt geschlüpft war. So ähnlich geht es auch in Claire Ochsners Reich zu. Man entdeckt, wenn man sich eine Weile dort aufgehalten und umgesehen hat, lauter Verwandtschaften, aber geradeso fallen die Varianten und Mutationen auf. Sagen wir es so: die denkbar heiterste Inanspruchnahme der Schöpfungszuständigkeit. Heiter zeugt sich die Art fort, und heiter erinnert die sich fortzeugende Art an die hängende Spirale, die uns unendlich vorkommt, weil wir nicht entscheiden können, ob sie sich nach oben oder nach unten dreht, weil wir nur zusehen dürfen, wie sie sich allemal und immerfort zu drehen scheint.
Ein Kunstreich ohne Kampf und Wettbewerb, in dem die Kunstdinge in strahlender Diesseitigkeit und leuchtender Lebenszugewandtheit freundliche Nachbarschaft pflegen und dabei viel zu sehr mit ihrem eigenen Wohlgefallen beschäftigt sind, um stolze oder gar neidische Blicke aufeinander zu werfen. Das ist selten in einem Werk. Und das ist auch ein bisschen kostbar. Und das ist wohl nur möglich, weil die Choreographie «Joie de vivre» heisst, zu der die Künstlerin ihre mal grazileren, mal muskulöseren Balletteusen aufgeboten hat.
Das Stück ist fürwahr ein altes Stück und ein unvergängliches Stück. Und es gibt ein altes und ein unvergängliches Bild dazu. Matisse hat es vor über hundert Jahren gemalt, hat alles gemalt, was er von der «Joie de vivre» wusste, wie er sich die Freude am Leben vorstellte. Es wird geliebt im irdischen Paradies und Blumen werden gepflückt und Musik wird gespielt und getanzt wird, und ein stabiles Hoch steht über dem Mittelmeer, dass es eine Lust ist. Aber die Bühne ist weit entfernt, und die hohen Bäume spenden nicht nur Schatten, sondern schirmen auch ab, und es ist nicht viel Einladung zu verspüren und schon gar keine Aufmunterung, sich unter das ferne Lust-Volk zu mischen. Dass wir es jemals ans ferne Gestade schaffen werden, ist doch eher unwahrscheinlich. Und das ist der Unterschied zum stabilen Hoch über dem Paradiesgärtlein im basellandschaftlichen Frenkendorf. Es geht von Claire Ochsners Arbeiten eine wunderbare Nähe aus. «Joie de vivre» heisst bei ihr Teilhabe, nicht Exklusivität.
Nie ist eine Form erzwungen, nie eine Oberfläche anders als schmeichelglatt zu haben, kein Werkstück, das nicht von allen Kanten befreit wäre, keine Spitze, die sich nicht zur Volute aufrollte, kein Volumen, das sich nicht in gemütlichen Bäuchen rundete und in eleganten Hälsen verschlankte, kein Schwung, der seine Dynamik nicht genüsslich ausspielte: Wie soll man es anders beschreiben als schiere Anmut, also Anmut ohne Pathos? Nie steht man vor schweren Rätseln, wenn man sich unter die Joie-de-vivre-Darsteller aus Aluminium und bemaltem Polyester mischt. Man braucht kein Studium und keine Lizenz, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ihr Idiom ist kein fremdes Idiom. Und ihre Weise, das Gespräch mit uns zu eröffnen, ist genau besehen eine Weise, ursprüngliche Sprachmöglichkeiten in uns zu wecken und zu vitalisieren. Denn was sie ansprechen, was sie anklingen, ist schon immer in uns – nur es ist dort abgesunken, überwachsen vom Alltagsgeschwätz, verschüttet unter dem Lebensgebrauch, den man Realitätstüchtigkeit nennt.
Dabei ist es ja nicht verboten, an der bunten Population auch die Wunschformeln und Traumbilder und Sehnsuchtszeichen zu entdecken. Was man aber nicht entdecken wird, das sind die Seufzer, die meist dann zu vernehmen sind, wenn die Wunschformeln, Traumbilder und Sehnsuchtszeichen zu sich selber kommen. Anmut ohne Schwermut, das ist schon selber zum Erstaunen. Erstaunlich wie die ganze bunte Population. Als seien ihre Abkömmlinge von zugvogelweitoben sanft gelandet oder gerade spritzend aus dem Wasser geschlichen und hätten sich ein wenig aufgerichtet zum einladenden, aufmunternden Erstaunen. Alles sieht leicht aus an ihnen, nichts wie hart erarbeitete Artistik. Sie können das eben, auf einem dünnen Bein stehen, ohne müde zu werden, und sie können die Mondsichel über den Bäumen auf ihren Tentakelarmen bugsieren, und es ist so, dass der Mond sich auch das gefallen lässt.
So stehen sie da in ihrem Paradiesgärtlein, frei, wie sie sind. Frei, wie Narren, Schelme und Fasnächtler sind. Man kann sich ja manche Geschichten von der Freiheit vorstellen, erhabene, kämpferische, heroische. Die schönsten sind doch die, die von der Freiheit der Schöpfungszuständigkeit erzählen.
Hans-Joachim Müller,
Kunsthistoriker, Freiburg DE